Variationen zu Kafkas "Auf der Galerie"
 

Im Auto

Wenn ein Kind, in einer Familie aufwachsend, den Kopf voller Flausen, neugierig seine Nase überall hineinsteckend, alle Leute vertrauensvoll anredend, immer lustig und aufgedreht, ein Wirbelwind und voller Lebensfreude, wenn eben dieses Kind im Auto seiner Eltern, das vollbepackt und an der Anhängerkupplung einen ebenso vollen Wagen hinter sich herziehend, über die Straßen holpert, mit Freude und Optimismus seiner neuen Heimat entgegenblickte und sich auf das Neue freute, motiviert durch seine Erzeuger und neugierig auf die neue Umgebung und die neuen Menschen, erwartungsvoll und ohne Angst sich jenem Ort näherte - vielleicht würde dann der Motor streiken, mitten auf der Straße, und das Auto bewegte sich keinen Meter mehr weiter. Da dies aber nicht so ist, das Kind unter der Schirmherrschaft seiner Eltern umgezogen wird, sich nicht vom Alten trennen will, Angst vor dem Neuen hat, sich alleingelassen fühlt, seinen Teddy an sich drückt, um wenigstens diesen alten und vertrauten Freund nicht auch noch weggenommen zu bekommen, die Zukunft als schwarzes Loch empfindet, das unweigerlich seinen Sog auf es ausübt, der kein Entkommen zuläßt, ängstlich in der Ecke sitzt, verschlossen und jedem, der ihm Mut zusprechen will, stumm abweist, sich seinen Erinnerungen widmet und fühlt, wie es von dem Warmen in das Kalte gezogen wird, spürt, wie das Seil, das es mit dem Zuhause verbindet, mit jedem Kilometer dünner wird und immer schneller zu reißen droht, um das Kind sich selbst zu überlassen und es losläßt - da dies so ist, spürt der Jugendliche, wie der Motor unaufhaltsam weiterarbeitet und die Räder rollen.
Julia Orth

Versuch I

Wenn irgendein schweißgebadeter, gestreßter, durch den Schnee stapfender Junge 500 Zeitungen an die so weit auseinander wohnenden, unfreundlichen, bequemen Menschen verteilte und sich an mehreren zähnefletschenden Hunden, mit der Angst gebissen zu werden, vorbeischleichen müßte, um dann den schimpfenden, nervös auf die Zei tung wartenden Menschen dieselbe in die Hand drücken zu können und dann zu dem so weit entfernten nächsten Haus ginge und die Angst von neuem beginnen würde, bis es ihm zu viel würde und er kündigte. Da es aber nicht so ist und ein netter, liebenswerter Junge fröhlich bei Sonnenschein seine 500 Zeitungen an die netten Menschen verteilt und hie und da ein kleines Dankeschön erhält, weil er so zuverlässig die Zeitungen in die Zeitungsrollen steckt und an manchen Häusern dann noch einen Moment mit den süßen kleinen Hunden spielt, die ihn jedes Mal von Neuem freundlich begrüßen - ja, da es nicht so ist, beginnt der Junge immer wieder mit neuem Mut und neuer Freude die Zeitungen zu verteilen.
Katja Schüßler

 

Die Klassenarbeit

Wenn irgendein genervter Schüler den Klassenraum, in dem er eine Arbeit schreiben soll, zu spät betritt und ein wütender Lehrer über den Zu-spät-Kommenden Witze reißt, wenn dieser dann beim Schreiben keine Lösungsidee hat, obwohl sein Kopf schon raucht - dann wünscht der arme Schüler, daß ein Unbeteiligter eine Durchsage macht, die lautet: Erster April! Da dies aber nicht so ist und der coole Schüler den Klassenraum nur Sekunden zu spät betritt und ein verständnisvoller Lehrer versucht, ihn mit einem Scherz aufzuheitern, die Klassenarbeit für ihn kein Problem ist, weil die Aufgaben wochenlang studiert wurden und deshalb der Geist nicht völlig ausgelaugt ist - da dies so ist, braucht der Unbekannte nicht "April, April" zu rufen, weil die Situation gemeistert werden kann.
Gregor Heres

Versuch II

Wenn irgendein verlogener, geldgieriger Fernsehmoderator als katholischer Priester verkleidet in einem leuchtend grellen Fernsehstudio vor der Kamera steht und Fürbitten verliest, welche ihm völlig egal sind, und dabei wie blöd mit dem Weihrauch um sich schwingt, und wenn das Publikum aus einer Großzahl von bestochenen Geistesgestörten besteht, welche überhaupt nicht wissen, warum sie unermüdlich klatschen und grölen und dabei nach Paprika riechende Chips und literweise Cola in sich hineinschütten -- vielleicht riefe dann ein halbwegs normaler Mensch aus dem Publikum hinab zu dem heiligen Fernsehpfarrer und Wunderheiler in seinem golden glitzernden Gewand, er solle doch diese erbärmlich verlogene Show lassen und ehrlich und offen seinen Mitmenschen den wahren Glauben, sofern er ihn besitzt, vermitteln. Da es aber nicht so ist; ein junger, hübscher, glattrasierter, netter, ehrlicher Mensch in einem schlichten bescheidenen Gewand vor dem aufmerksamen, aufrechtsitzenden Publikum steht und sich in einer kleinen Kapelle befindet, welche voll mit Dekorationen bestückt ist, das heißt helle rosarote Blümchen, kleine weiße Wölkchen, ein großer wie ein Felsen wirkender Altar, nette hübsche Messdienerinnen, welche mit einem gülden umrahmten rechteckigen Schild, auf welchem die Zahlenreihe des örtlichen Spendenkontos steht, zart und unschuldig wirkend vom rechten zum linken Bildrand sich aufreizend hin- und herbewegen und dabei im Publikum ordnungsgemäß die Kollekte durchgereicht wird, wo jeder auch noch so minimale Betrag den hungernden Kleinkindern in Äthiopien das Leben rettet -- da dies so ist, versinkt ein Publikumsgast ganz leise und möglichst unauffällig in seinem Klappsitz und im Moment des plötzlichen Schlußbeifalls, kurz vor der Werbung, bereut er seine Anwesenheit, ohne es zu wissen.
Gerrit Baier

 
Kafkas Original gibts hier ...