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Aus
einem Zitterling wird ein junger Baum
Das
Jüdische Kulturzentrum in Fulda platzt aus allen Nähten/
Zustrom aus dem Osten
von HOLGER
WOSTRATZKY
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| Während katholische
und evangelische Christen sich zur Osternacht- und Auferstehungsfeier
in ihren Kirchen versammeln, treffen sich jüdische Mitbürger
am Sabbatabend im Gemeindehaus zur Feier des Pessachfestes,
mit dem sie der Erlösung der "Kinder Israels" aus der ägyptischen
Knechtschaft gedenken. Es sind aber nicht - wie in früheren
Jahren - nur zwei oder drei Familien, wenige Überlebende des
Holocaust, die zur traditionellen Sederfeier im "Jüdischen Kulturzentrum"
in der Von-Schilddeck-Straße zusammenkamen. "Wir platzen hier
aus allen Nähten", umreißt Linde Weiland, Vorsitzende der mittlerweile
rund 120 Mitglieder zählenden Gemeinde, die Situation. Noch
vor wenigen Jahren war das ganz anders. Da hätte man sich streng
genommen nicht einmal "Gemeinde" nennen dürfen, da mindestens
zehn Männer vorgeschrieben sind, um einen Gottesdienst zu feiern.
Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich hier eine Entwicklung
vollzogen, die keineswegs auf die osthessische Bischofsstadt
beschränkt ist. So wurde in vergangenen Jahren in Aachen eine
große Synagoge ihrer Bestimmung übergeben. In Berlin wurde die
große alte Synagoge in der Oranienburger Straße restauriert.
Aber auch in Hessen tut sich was. In Darmstadt ist eine ganz
neue Synagoge entstanden, in Offenbach wird zur Zeit das alte
Gebetshaus wiederhergestellt, in Kassel und Gießen sind weitere
Synagogen entstanden oder im Bau. "Wir haben eine totale Umkehrung
der Ereignisse", betont Linde Weiland, die seit 1988 das Jüdische
Kulturzentrum leitet. "Niemand hätte jemals geglaubt, daß es
hier wieder ein wirklich aktives jüdisches Leben geben würde."
Vertreibung und Vernichtung in der Nazi-Zeit hatten auch in
Fulda jüdisches Leben fast vollständig ausgelöscht. Die Renaissance
der einstmals rund 1500 Mitglieder zählenden Gemeinde kam völlig
überraschend. Sie hängt mit der politischen Umgestaltung Osteuropas
zusammen, die einen starken Zustrom von Juden aus der ehemaligen
UdSSR auch in die Bundesrepublik brachte. Es handelt sich um
Menschen, die wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit und Abstammung
jahrzehntelang existentieller Bedrohung und Verfolgung ausgesetzt
waren. Ende der achtziger Jahre ist es deswegen in der Sowjetunion
zu Demonstrationen und Unruhen gekommen. Erreicht wurde ein
auf zehn Jahre befristetes jährliches Ausreisekontingent von
8000 Juden über die damalige DDR ins westliche Ausland. "Jüdische
Kontingentflüchtlinge" heißen sie denn auch in der bürokratischen
Fachsprache. Seit der "Wende" kommen diese ihr Leben lang ständig
gequälten Menschen entsprechend gesetzli- cher Übernahmeregelung
auch in die Bundesrepublik, etwa 5000 bleiben hier, etwa 3000
reisen weiter nach Israel oder in die Vereinigten Staaten. Die
meisten Besucher in Fuldas Jüdischem Kulturzentrum, dessen Räume
bis 1939 als jüdische Volksschule dienten, sind solche Verfemten
und Verfolgten aus der einstigen Sowjetunion. Sie stammen vorwiegend
aus dem Umkreis von Kiew, Petersburg und Moskau. Dies hängt
damit zusammen, daß sich hier die drei einzigen Botschaften
befinden, wo "jüdische Kontingent- flüchtlinge" in Listen erfaßt
werden. Aber die neuen Gemeindemitglieder kommen auch aus Sibirien,
aus Usbekistan und Tadschikistan. Vom Schwarzen Meer bis zum
Baltikum reicht das Auszugsgebiet. Wiederholt sich hier Geschichte?
In der wechselvollen Vergangenheit der Fuldaer jüdischen Ge-
meinde hatte es schon einmal eine solche Zuwanderung aus Osteuropa
gegeben. Mitte des 17. Jahrhunderts war ein Strom jüdischer
Flüchtlinge aus Polen und Rußland in die Barockstadt ge- kommen;
sie waren den Verfolgungen während des Chmelnizkij-Kosakenaufstandes
entronnen, denen mehr als 500.000 Juden zum Opfer fielen. Dennoch
läßt sich der heutige Exodus damit nur sehr begrenzt vergleichen.
Damals kamen orthodoxe, also äußerst strenggläubige Juden, deren
ganzes Leben maßgeblich von der Religion bestimmt war; heute
kommen Menschen, die - bis auf ein paar Ältere - ihre Religion
nie praktizieren durften (von 1927 bis 1988 war in der Sowjet-
union beispielsweise die Beschneidung verboten), die nominell
zwar Juden sind, aber vom Judentum oft kaum etwas erfahren haben,
teilweise total atheistisch erzogen wurden. Es mag seltsam klingen:
In Rußland wurden sie für etwas verfolgt, was sie größtenteils
gar nicht kannten. Es sind vielfach verängstigte Menschen, die
selbst jetzt noch eine maßlose Scheu davor haben, sich öffentlich
als Juden zu bekennen, weil sie in ihrer Heimat dafür vielfache
Repressalien erfahren mußten. Es ist kein Zufall, daß die meisten
"Kontingentflüchtlinge" aus der Ukraine kommen, wo Juden noch
heute, wie beispielsweise in Odessa, ständigen Pogromen, Verlust
des Arbeitsplatzes und sozialer Deklassierung ausgesetzt sind.
(Einige aus dem Raum Kiew sind von einem menschenverachtenden
Regime auch noch in ganz anderer Weise bestraft worden. Es sind
Tschernobyl-Geschädigte, die ihren Familien eine bessere Zukunft
eröffnen wollten.) Sie alle wollen in Deutschland ein zweites
Leben in Freiheit beginnen. Die völlig neue Situation erfordert
dabei viel Flexibilität und Sensibilität von allen Beteiligten.
In enger Zusammenarbeit mit den Sozialämtern dient das Jüdische
Kulturzentrum in Fulda als erste Anlaufstelle in vielerlei Alltagsschwierigkeiten,
nicht zuletzt infolge der Sprachbarriere. Es ist mehr. Es ist
auch ein Stück lang vermißter und staunend wiederentdeckter
geistiger Heimat. Ihnen diese wieder näherzubringen ist für
Linde Weiland eine faszinierende Aufgabe. Als im Mai 1987 das
Jüdische Kulturzentrum als "Stätte des Gebetes und Gedenkens"
feierlich übergeben wurde, sprach Oberbürgermeister Dr. Hamberger
von einem "Pflänzchen jüdischen Lebens, das damit in Fulda neu
gepflanzt ist." Rabbiner Dr. Elchanan Blumenthal aus Jerusalem
verglich das neue Zentrum fast prophetisch mit einem "Saatkorn,
aus dem Reis erwächst". Aber niemand konnte damals ahnen, daß
aus dem Saatkorn und zarten Pflänzchen nur wenige Jahre später
einhoffnungsvoller junger Baum geworden ist. |
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