Grenzen des Wachstums

Dennis L. MeadowsZEIT-Bibliothek der Ökonomie (34): Ein Szenario zum Erschrecken
Dennis L. Meadows: “Die Grenzen des Wachstums”
Von Ute Watermann
Die Arbeit der sieben jungen Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) schien auf den ersten Blick harmlos. Nacht für Nacht fütterten sie den zentralen Computer mit Datenkolonnen über die bisherige Entwicklung der Welt. Dann rechneten sie die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung, zu den Rohstoffreserven und zur Nahrungsmittel- und Industrieproduktion bis zum Jahr 2100 hoch. Welchen Aufruhr sie mit den Ergebnissen auslösen würden, ahnten die Nachwuchsforscher nicht.
Propheten, Scharlatane, Weltuntergangsfanatiker, schimpften die Gegner. Die Anhänger feierten dagegen das Team um Dennis Meadows als Vorreiter der neuen Umweltbewegung.
Das schmale blaue Buch mit dem Titel »Die Grenzen des Wachstums«, 1972 veröffentlicht, hatte den Nerv der Zeit getroffen. So wie bisher kann es nicht weitergehen, lautete das diffuse Gefühl einer Generation, die mit dem Kalten Krieg, der Zerstörung der Natur und dem Versprechen auf ewigen Konsum aufgewachsen war. Nun lag erstmals eine Studie vor, die dieses Gefühl wissenschaftlich stützte.
Die zentrale These: Weil die Rohstoffvorräte zur Neige gehen, muss die industrielle Produktion schrumpfen; und weil Ackerland und Wasservorräte knapp werden, müssen die Menschen Hunger leiden. Wenn die Entwicklung so anhält, “werden die Wachstumsgrenzen im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht”.
Die Welt war schockiert. Vor allem die Ökonomen protestierten. Denn Meadows stellte eines ihrer zentralen Paradigmen in Frage: Grenzenloses Wachstum schafft Wohlstand für alle.
Der Club of Rome, 1968 von dem italienischen Industriellen Aurelio Peccei als informeller Zusammenschluss von Wissenschaftlern, Industriellen, Wirtschaftlern und Humanisten gegründet, hatte 1970 die Studie in Auftrag gegeben. Die brennendste Frage: “Können die Wachstumsraten von unserer Erde, so wie sie physikalisch beschaffen ist, verkraftet werden? Wie viele Menschen können auf ihr leben, bei welchem Grad des Wohlstands und für wie lange?” Der Kybernetiker Jay Forrester hatte eine Methode (“system dynamics”) entwickelt, um Wechselwirkungen in komplexen Systemen mitsamt der dazugehörigen Zeitverzögerungen darzustellen.
Basierend auf dieser Idee, wählte Meadows zunächst die wichtigsten Einzelfaktoren für die Entwicklung der Menschheit: Bevölkerungswachstum, Nahrungsmittelproduktion, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Ausbeutung von Rohstoffen. Seine Daten zeigten: Alle fünf Faktoren wachsen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts – und zwar exponentiell.
Doch das ist nicht zwangsläufig so. Beispiel Bevölkerungsentwicklung: Auch wenn die Fruchtbarkeit einer Bevölkerung unverändert bleibt und deshalb bei stetig wachsender Bevölkerung immer mehr Babys geboren werden, kann eine hohe Sterberate die Bevölkerungszahl drücken. Auch die Nahrungsmittelproduktion kann das Wachstum der Menschheit beeinflussen.
Meadows war sich dieser Zusammenhänge bewusst. Er legte 99 miteinander verkettete Regelkreise zwischen den fünf Faktoren fest. Das Weltmodell war kreiert. Der erste Computerdurchlauf für die Zeit zwischen 1900 und 2100 zeigte das erschreckende Ergebnis: Aufgrund der zunehmenden Rohstoffausschöpfung “bricht die industrielle Basis zusammen und reißt auch den Dienstleistungssektor und das landwirtschaftliche System mit sich”.
“Soll das heißen, daß es der Menschheit bestimmt sei, bis zu einem Optimalwert anzuwachsen und dann in eine kümmerliche Existenzform zurückzufallen mit ungenügender Ernährung und hohen Sterberaten?”, fragte Meadows stellvertretend für den entsetzten Leser. – “Wir besitzen genügend Beweise für die Intelligenz, Erfindungsgabe und Anpassungsfähigkeit des Menschen”, antwortete er und liefert das Patentrezept gleich mit.
Die Geburtenrate muss der Sterberate angepasst werden. Die Industrieproduktion ist auf dem Stand von 1975 einzufrieren. Rohstoffverbrauch und Umweltverschmutzung müssen gesenkt werden. Und zwar schnell. Denn “je eher die Menschheit sich entschließt, diesen Gleichgewichtszustand herzustellen, und je rascher sie damit beginnt, um so größer sind die Chancen, dass sie ihn auch erreicht… Maßnahmen, die erst ergriffen werden, wenn sich schädliche Wirkungen gezeigt haben, kommen viel zu spät.”
Das Werk Die Grenzen des Wachstums machte Dennis Meadows und den Club of Rome über Nacht berühmt. Es wurde in 29 Sprachen übersetzt. Zum Erfolg hat auch die klare, einfache Sprache beigetragen. Denn das Buch war nur die populäre Zusammenfassung der eigentliche Studie Dynamics of growth in a finite world. Donella Meadows war diejenige, die mit einem einzigartigen Gespür die Übersetzung für den Laien schrieb. So wurde das Büchlein zu einem Meilenstein der Umweltbewegung und zu einem Ärgernis für viele Ökonomen, die damals das Wort Ökologie kaum zu buchstabieren wussten.
Heute, drei Jahrzehnte später, sammeln wir unsere Plastikabfälle, entwickeln Dreiliterautos und treffen uns auf Weltklimakonferenzen. Doch gleichzeitig bevölkern 6 Milliarden Menschen die Erde – 840 Millionen davon sind unterernährt -, und die Konflikte um Trinkwasser und bebaubares Ackerland nehmen zu. Hatte Meadows nun Recht oder Unrecht?
Die Kritiker sind zumindest leiser geworden. Zwar sind sich die Wissenschaftler darüber einig, dass Meadows viele Faktoren außer Acht gelassen hat. Etwa den Preismechanismus, der Unternehmen und Privatleute bei knapper werdenden Ressourcen veranlasst, nach Alternativen zu fahnden. Oder die Bürgerbewegung, die zu einer Lobby für umweltschonendes Wirtschaften geworden ist. Dennoch ist die Situation in den Entwicklungsländern katastrophal, und zwischen Arm und Reich klafft eine riesige Lücke.
Die Meadows hat das Thema nicht mehr losgelassen. Das Paar publizierte noch zahlreiche andere Studien. Der Zukunftsforscher selbst hat sein Modell nie als perfekt angesehen, sondern als Chance zur Veränderung.
Dennis L. Meadows u.a.: Die Grenzen des Wachstums
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart,
16. Auflage 1994; 183 S., 24,80 DM
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Netzquellen zum Thema “Grenzen des Wachstums”:
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  • Weltmodell “world3″ […hier]
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